Andree: Hallo Benni, du bist ja eines der Mammuts im Orchester. Vielleicht kannst du dich kurz vorstellen und erzählen, was dich mit der Mannheimer Bläserphilharmonie verbindet?
Benni: Mein Name ist Benjamin Grän. Seit ich 13 Jahre alt bin, genauer: seit einem Auftritt im Jüdischen Gemeindezentrum im November 1993, spiele ich Tuba in der Mannheimer Bläserphilharmonie (damals Sinfonisches Jugendblasorchester Mannheim). Ich habe Schulmusik und Orchestermusik in Weimar und Mannheim sowie Mathematik und Geschichte in Heidelberg studiert. Nach einigen Jahren als freiberuflicher Musiker arbeite ich inzwischen als Lehrer am Ursulinen-Gymnasium Mannheim, spiele aber nach wie vor in verschiedenen musikalischen Formationen.
Seit zehn Jahren bin ich Vorsitzender der Mannheimer Bläserphilharmonie e. V. Die Bläserphilharmonie ist seit meiner Jugend eine musikalische Konstante: Ich kann fast zu jedem Jahr seit 1993 die Aktivitäten des Orchesters aufzählen. Besonders prägend für mich waren unsere Reisen – innerhalb Deutschlands und in die Welt: in die Niederlande, nach Ungarn, Amerika, Japan und China.
Das Orchester hat sich über die Jahre verändert, aber die Leidenschaft für die Musik und das gemeinsame Musizieren ist geblieben. Heute ist die Bläserphilharmonie breiter aufgestellt, mit einer stärkeren Durchmischung aus jungen und erfahrenen Musikern.
Das Konzert steht unter dem Motto “Auf den Schultern von Riesen”. Welche Dirigenten haben das Orchester besonders geprägt?
Es gibt drei Persönlichkeiten, die das Orchester über Jahre hinweg geformt haben. Natürlich Stefan Fritzen, unser Gründer, der die Bläserphilharmonie von 1987 bis 2005 leitete. Er brachte als ehemaliger Soloposaunist der Dresdner Staatskapelle nicht nur eine immense musikalische Kompetenz mit, sondern auch eine unglaubliche Hingabe. Er nahm unser Mannheimer Jugendorchester sehr ernst – als wären wir ein professionelles Orchester. Und erwartete von uns das Beste. Ich erinnere mich noch gut daran, wie sehr er sich für dieses Orchester eingesetzt hat, mit einer Leidenschaft, die ansteckend war. Er identifizierte sich vollkommen mit seiner Arbeit für die Bläserphilharmonie.
Bei Markus Theinert, unserem Dirigenten von 2006 bis 2015, hat mich neben vielem anderen die Probenleitung, die musikalische Führung unglaublich beeindruckt. Er hat jeden Musiker und jede Musikerin mit Respekt behandelt. Er musste nie disziplinieren, wurde nie laut, und ist so für mich auch in pädagogischer Hinsicht ein Vorbild. Seine Art zu arbeiten war für alle inspirierend – egal ob Amateur oder Profi. Nach jeder Probe gingen wir mit dem Gefühl nach Hause, wieder etwas Entscheidendes über die Musik im Allgemeinen und das Musizieren im Orchester im Besonderen gelernt zu haben. Er konnte so Musiker mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen fordern und weiterbringen.
Miguel Ercolino, unser Dirigent seit 2015, bringt durch seine Perspektive als Streicher neue klangliche Facetten ins Orchester. Wie seine beiden Vorgänger kommt auch er aus der Tradition des Sinfonieorchesters, spielt zum Beispiel als Gast regelmäßig bei den Münchner Symphonikern. Ich finde es spannend, wie er als Streicher den Bläsern neue Herangehensweisen vermittelt, etwa im Bereich der Phrasierung. Er setzt sich intensiv mit Blasorchesterliteratur auseinander, entdeckt Werke, die hier weniger bekannt sind. Dieser frische Blick auf unser Repertoire ist eine Bereicherung.
Ein Höhepunkt des Konzerts ist das Werk von Rolf Rudin, das als Widmung für Stefan Fritzen komponiert wurde. Was bedeutet Rudins Musik für das Orchester?
Rolf Rudin war zweifellos einer von Stefan Fritzens Lieblingskomponisten. Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir in den 90ern sein Werk Sternenmoor spielten. Anfangs fremdelten viele mit der Musik, aber dann entwickelte sich eine tiefe Begeisterung. Rudin hat einen unverkennbaren Personalstil, der ihn von vielen anderen Komponisten des Genres abhebt. Seine Werke haben das Orchester geprägt.
Der Titel des Konzerts spricht von Riesen. Wer sind die „Riesen“ in der Geschichte der Mannheimer Bläserphilharmonie?
Natürlich denken wir zuerst an unsere Dirigenten. Neben den drei bereits vorgestellten ist da noch Peter Vierneisel zu nennen, der uns in den Jahren 2005 und 2006 dirigiert hat und zu großem Erfolg bei einem internationalen Wettbewerb in Prag geführt hat. Aber es gibt viele weitere Giganten im Hintergrund. Menschen, die das Orchester geprägt und unterstützt haben, sei es organisatorisch, finanziell oder ideell. Ohne sie wäre vieles nicht möglich gewesen. Herr Dr. Hans Oel, der sich zu Musikschulzeiten und auch danach für das Orchester eingesetzt hat. Auch die Vorstandsmitglieder, die sich in den letzten zwanzig Jahren des Bestehens als Vereins engagiert haben. Zu nennen sind hier stellvertretend für viele andere, die riesenhafte Arbeit für unser Orchester geleistet haben und noch immer leisten, die ehemaligen Vorsitzenden des Vereins Ute Mocker, Bernhard Schillinger und Jérôme Dath.
Du blickst ja auch zurück auf 20 Jahre Mannheimer Bläserphilharmonie als Verein. Erzähl uns doch noch etwas über dieses Jubiläum
Wir haben ein wenig gezögert, ob wir dieses Jubiläum überhaupt begehen sollen. Die Loslösung von der Städtischen Musikschule im Jahr 2005 verlief alles andere als reibungslos. Man muss leider sagen, wir haben uns damals im Streit getrennt. Für mich war das eine schwierige und turbulente Zeit. Die Gründung des Vereins ist also bei Weitem nicht nur mit positiven Erinnerungen verbunden. Ich hätte damals angesichts der Herausforderungen nicht viel darauf gewettet, dass das Orchester in zwanzig Jahren noch existiert.
Aber es gibt uns noch und wir haben in den zwanzig Jahren viel erreicht: Wir waren bei Wettbewerben erfolgreich, haben Orchester aus aller Welt nach Mannheim eingeladen, eine Italien- und eine China-Tournee auf die Beine gestellt und Uraufführungen gespielt. Die Vereinsgründung und vor allem die letzten 20 Jahre Orchestergeschichte sind schon etwas, worauf wir stolz sein können. Deshalb wollen wir dieses Jubiläum auch feiern.
Nach dem Konzert steht bereits das nächste große Ereignis an: der Wettbewerb in Riva am Gardasee. Was erwartet euch dort?
Wir freuen uns sehr auf diese Fahrt! Wir treten in der Categoria Eccellenza, der höchsten Kategorie des Wettbewerbs “Flicorno d’Oro” an. Besonders schön finde ich, dass das Musikschulorchester, aus dem die Bläserphilharmonie einst hervorgegangen ist, ebenfalls teilnehmen wird. Es wird eine gemeinsame Generalprobe geben, und wir werden uns in Riva gegenseitig anfeuern. Das zeigt doch auch, dass die Wunden, die die Trennung damals geschlagen hat, längst verheilt sind.
Danke für das Gespräch!